Mein Leben für mich gut gestalten

Mit jeder großen Entscheidung kommen auch schnell Ängste und Befürchtungen ins Spiel. Wie kann man diesen Gedanken etwas Positives entgegensetzen?

Foto: Susanne Jutzeler / Pexels

„Wenn die anderen wissen, was ich habe, denken sie wahrscheinlich, dass ich selbst daran schuld bin.“

„Meine Beförderung kann ich mir abschminken, wenn die Leute wissen, wie es um meine Gesundheit steht…“

„Wer will denn noch mit mir zusammenarbeiten, wenn die Leute wissen, dass ich diese Erkrankung habe?“

So viel Schlimmes kann passieren…

Bei der Frage, ob man auf der Arbeit etwas von seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung (chronische körperliche oder psychische Erkrankung oder Behinderung) erzählt oder nicht, spielen Befürchtungen oft eine große Rolle. Und sie sind auch wichtig: Sich auszumalen, was Schlimmes geschehen könnte, schützt uns bei wichtigen Entscheidungen vor unnötigem Leid.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Befürchtungen immer mehr Raum einnehmen und Hoffnungen aus dem Blick geraten. Langfristig kann das zum Problem werden. Verharrt man aus Angst vor negativen Konsequenzen genau dort, wo man im Moment ist, verbaut man sich die Chance, sein Leben – auch mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung – selbst in die Hand zu nehmen.

Guten Dingen Raum geben was ist mir wirklich wichtig?

Wie kann man den Gedanken darüber, was alles Schlimmes passieren könnte entkommen? Ganz geht das wahrscheinlich nicht. Aber man kann den Befürchtungen etwas entgegensetzen: die eigenen Hoffnungen, Wünsche und Vorstellungen dazu, wie für einen ganz persönlich ein gutes, gelungenes Leben aussieht. Man kann solche Vorstellungen auch als grundlegende Wertvorstellungen bezeichnen. Ihre Wertvorstellungen zeigen, was Ihnen im Leben wirklich wichtig ist und was für ein Mensch Sie sein wollen: Wie Sie sich selbst, andere und die Welt um sich herum behandeln möchten.

Aber warum lohnt es sich für Sie, bei wichtigen Veränderungen Zeit in die Suche nach Ihren grundlegenden Werten zu investieren?

Werte als Kompass nutzen

Wertvorstellungen können eine nützliche Richtschnur sein, um schwierige Entscheidungen zu treffen – eine Art innerer Kompass. Sie können deutlich machen, wofür es sich lohnt, Dinge in Kauf zu nehmen, vor denen man eigentlich Angst hat.

Im Einklang mit den eigenen Wertvorstellungen zu leben, fühlt sich meist gut und „richtig“ an. Es lohnt sich daher, die eigenen Wertvorstellungen in wichtige Entscheidungen mit einzubeziehen. Wenn Sie sich im Einklang mit den eigenen Werten für oder gegen die Offenlegung der gesundheitlichen Beeinträchtigung entscheiden, können Sie sich eher darauf verlassen, dass Sie die Richtung eingeschlagen haben, die für Sie richtig ist – selbst wenn nicht immer alles glatt läuft.

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Für ein stabiles Fundament sorgen

Ihre grundlegenden Werte können Sie sich wie das Fundament eines Hauses vorstellen. Möchten Sie das Haus renovieren, sollte das Fundament stabil sein. Risse im Fundament könnten dazu führen, dass ein Haus nicht mehr sicher steht. Und wahrscheinlich ärgern Sie sich, wenn Sie viel Zeit und Geld in die Renovierung gesteckt haben und doch alles wackelt. Auf lange Sicht ist es also besser, zuerst das Fundament zu reparieren – auch, wenn es mehr Spaß macht gleich die Wände mit neuen Farben zu streichen. Kennen Sie Ihre grundlegenden Werte, können Sie sich sicherer sein, dass die Entscheidung auch langfristig zu Ihnen passt.

Was haben Wertvorstellungen mit der Entscheidung für oder gegen die Offenlegung zu tun?

Ein paar Beispiele dafür, wie Ihre Wertvorstellungen mit der Entscheidung für oder gegen eine Offenlegung verbunden sein können, finden Sie in den folgenden Abschnitten:

Mit einer Offenlegung können viele verschiedene positive Vorstellungen verbunden sein. Zum Beispiel: 

„Ich möchte meine Talente optimal entfalten. Dafür brauche ich einen Arbeitsplatz mit Arbeitsbedingungen, die gut auf mich und meine gesundheitliche Beeinträchtigung abgestimmt sind.“

„Ich möchte mich anderen gegenüber so zeigen können wie ich bin, mit meiner gesundheitlichen Beeinträchtigung. Das gilt auch für meinen Arbeitsplatz.“

„Ich möchte für andere Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen ein positives Beispiel sein.“

„Für mich hat ein vertrauensvolles Miteinander zwischen Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten hohe Priorität. Dazu gehört für mich auch, dass man „Schwäche“ zeigen und um Hilfe bitten kann.“

„Ich hoffe darauf, dass ein offener Umgang mit der gesundheitlichen Beeinträchtigung dazu beiträgt, Vorurteile gegenüber Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen abzubauen.“

Auch wenn Sie auf der Arbeit nicht von der gesundheitlichen Beeinträchtigung erzählen, kann dies mit positiven Vorstellungen verbunden sein. Zum Beispiel:

„Persönliche Informationen behalte ich gern für mich. Wenn mein Privatleben wirklich privat bleibt, fühle ich mich am wohlsten.“

„Ich möchte Dinge unabhängig und nach meinen eigenen Vorstellungen regeln. Dann fühle ich mich wirklich frei.“

Darüber hinaus kann es aber noch weitere positive Vorstellungen geben. Diese Hoffnungen können entstehen, wenn Sie sich mit den Gründen dafür beschäftigen, warum Sie überhaupt vor einer Entscheidung stehen. Wahrscheinlich stehen Sie vor der Entscheidung „Sag ich’s oder nicht?“, weil sich im Moment für Sie etwas nicht gut anfühlt. Und Sie wünschen sich, dass sich die Situation ändert – auch wenn Sie am Arbeitsplatz nichts von Ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung erzählen möchten. Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, Ihre Situation zu verbessern. Weitere Alternativen zu einer Offenlegung finden Sie hier.

Sie sollten diese alternativen Möglichkeiten genau anschauen und sich fragen: Wie passen sie zu dem, was mir im Leben wirklich wichtig ist?

Ein paar Beispiele:

„Ich muss mich ständig krankschreiben lassen. Vielleicht hilft eine Reduktion der Arbeitszeit. Das passt zu mir, weil ich mir schon lange mehr Zeit für mich und meine Familie wünsche.“

„Ich bin unzufrieden, weil ich meine Arbeit nicht mehr gut bewältigen kann. Vielleicht sollte ich die Arbeitsstelle wechseln. Das passt zu mir, weil ich ein Mensch bin, der gern etwas Neues ausprobiert.“

„Ich fühle mich gestresst. Vielleicht kann ich mich dazu einmal psychologisch beraten lassen. Das passt zu mir, weil ich ein Mensch bin, der Schwierigkeiten aktiv angeht.“


 

Den eigenen Werten auf der Spur

Welche Wertvorstellungen man hat, ist sehr individuell. Dabei gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“. Die folgenden Fragen können Sie dabei unterstützen, Ihren persönlichen Wertvorstellungen näher zu kommen und sie mit Ihrer Entscheidung für oder gegen die Offenlegung zu verbinden.

1. Was für ein Mensch möchte ich sein?

Was sind meine Wünsche und Vorstellungen davon, was für ein Mensch ich sein möchte?

Bei dieser Frage geht es darum, wie Sie andere, sich selbst und die Welt um sich herum behandeln möchten. Beispiele sind: Ich möchte…

  • aktiv sein, neue Erfahrungen machen.
  • für meine eigene Sicherheit sorgen.  
  • mich selbst und andere akzeptieren.
  • zeigen, wie leistungsfähig ich bin.
  • mir und anderen gegenüber großzügig sein.
  • andere Menschen unterstützen.
  • für meine Rechte einstehen.
  • ein bescheidener Mensch sein.
  • meine eigene Gesundheit möglichst gut erhalten.
  • Freundlich und rücksichtsvoll anderen gegenüber sein.

Wichtig bei der Beantwortung der Frage ist: Es geht nicht darum, was sie haben oder von anderen bekommen möchten, zum Beispiel „Ich möchte reich sein“ oder „Ich möchte, dass andere mich mögen“. Sondern es geht um Ihre Wünsche an Ihr eigenes Handeln.

Das herauszufinden ist nicht immer einfach. Vielleicht hilft Ihnen folgendes Gedankenspiel dabei: Stellen Sie sich einen runden Geburtstag vor. Er findet in einer idealen Welt statt, in der Sie Ihr Leben genau als der Mensch gelebt haben, der sie sein wollten. Ein paar Menschen halten Reden zu Ihrem Ehrentag. In diesen Reden geht es darum, wofür Sie eintreten, was Sie den Rednerinnen und Rednern bedeuten, welche Rolle Sie in deren Leben spielen. Was käme in diesen Reden vor? Was würden die Rednerinnen und Redner idealerweise über sie sagen?

2. Wie passen meine Wertvorstellungen zur Offenlegung und Nicht-Offenlegung?

Bei dieser Frage geht es darum, Ihre Wertvorstellungen mit der Entscheidung zusammenzubringen. Am einfachsten ist, wenn Sie die beiden Optionen „Ich sag’s“ und „Ich sag’s nicht“ einzeln betrachten.

Wie könnte eine Offenlegung meiner gesundheitlichen Beeinträchtigung dazu beitragen, meinen Wertvorstellungen näherzukommen?

Wie könnte eine Nicht-Offenlegung meiner gesundheitlichen Beeinträchtigung dazu beitragen, meinen Wertvorstellungen näherzukommen?

3. Mein Fazit: Was passt besser zu meinen Wertvorstellungen – Offenlegung oder Nicht-Offenlegung?

Zum Schluss können Sie ein Fazit ziehen:

Welche der beiden Varianten – Offenlegung oder Nicht-Offenlegung – passt besser zu meinen Wertvorstellungen?

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